Tea Ernst
05.09. - 31.10.2020

Tea Ernst

Tea Ernst (1906 – 1991)
Köln Rodenkirchen, Industriestraße 163

Hier entsteht in den 1970er Jahren ein Neubau der Firma Dr. Eggert- Verlag der Tea Ernst Stoffe. 1951 in Köln gegründet war der Verlag über 30 Jahre Vertriebsstätte der Tea Ernst Stoffkollektionen.
Tea Ernst 1906 in Paderborn als Tea Kreimeier geboren, beginnt ihre Ausbildung mit 20 Jahren an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule Bielefeld. Nach einem zweisemestrigen Vorkurs wird sie in die Klasse von Gertrud Kleinhempel aufgenommen. Kleinhempel - selbst eine erfahrene Designerin ihrer Zeit - leitet die Entwurfsklasse für Textile Berufe seit 1907, Tea Ernst wird zu einer ihrer erfolgreichsten Schülerinnen. /1

Bereits während ihrer Ausbildung beginnt Tea Ernst freiberuflich zu arbeiten und beteiligte sich an Wettbewerben der Textilindustrie. Aus diesen frühen Jahren sind – soweit bekannt – keine Entwürfe erhalten. Zwischen 1934 und 1936 entstehen Dessins für Teppiche, Läufer und Rollenware der Herforder Teppichfabrik und 1939 die ersten Tapetenmuster für die Firma Rasch. /2 In einer Veröffentlichung von Jutta Beder sind auch eine Mitarbeit an der Zeitschrift ‚Die Neue Linie’ und für das Jahr 1937 Bühnenbilder und Kostümentwürfe für die Oper ‚Ägyptische Helena’ von Richard Strauß erwähnt. /3
Damit unterläuft Tea Ernst schon zu Beginn ihrer Karriere die „typische Laufbahn“ der Musterzeichnerin „für die Abgängerinnen der Textilklasse“. /4

1930 heiratet sie ihren Bielefelder Kommilitonen Jupp Ernst und in der Literatur heißt es: „Das junge Ehepaar pflegte den Umgang mit kulturell interessierten und künstlerisch anspruchsvollen Freunden. In seiner neuen, standesgemäßen Wohnung in der Hochstraße 18 trafen sich Maler, Musiker, Dichter Architekten und Wissenschaftler.“ /5 1938 zieht das Paar nach Berlin und übernimmt die Atelierwohnung von Georg Muche in Wilmersdorf an der Landauer Straße. Es „entwickelt sich eine lebenslange Freundschaft, die die Künstler immer wieder zusammmenbrachte und zu gemeinsamen Arbeiten führte. Für Tea Ernst (...) schrieb Muche später Katalogbeiträge und hielt die Eröffnungsrede ihrer Ausstellung in Schloss Morsbroich.“ /6 Zwei Jahre später noch vor der Geburt des gemeinsamen Sohnes wird Jupp Ernst zum Militärdienst einberufen. Vor Kriegsende „im März 1945, flüchtet die Familie .... ins Allgäu “ /7 und kehrt im Herbst 1945 nach Paderborn zurück. Ein Jahr später folgt ein Umzug nach Bielefeld, 1948 dann der Wechsel nach Wuppertal, als Jupp Ernst dort die Direktorenstelle der Werkkunstschule annimmt.
In diesem Jahr beginnt Thea Ernst wieder mit ihrer Entwurfstätigkeit für die Firma Rasch, auch „diverse Bühnenentwürfe für die Theater in Bonn und Münster“ sind erwähnt. /8
Ihre Tapetenentwürfe werden 1949 mit Erfolg auf der Werkbundausstellung in Köln gezeigt. Zwei Jahre später gründet Tea Ernst zusammen mit Eberhard Eggert ihr eigenes Unternehmen. Mit zwei Druckmuster-Kollektionen jährlich eröffnet sie ihren Textilverlag Dr. Eggert - Verlag der Tea Ernst Stoffe und legt damit den Grundstein für ein jahrzehntelanges, internationales Erfolgsunternehmen. Mit dem Tulipan-Design
ergänzt sie die Kollektionen um einfarbige Vorhangstoffe, deren Farbpalette von anfangs 16 auf über 100 Farbtönen erweitert wird.

Ihre Entwürfe werden ausgezeichnet, das Städtische Museum Morsbroich würdigt sie bereits 1953 mit einer Einzelausstellungen, es folgen weitere Ausstellungen wie beispielsweise des Stedelijk Museums Amsterdam und Museumsankäufe – darunter auch das Viktoria & Albert Museum, London. Tea Ernsts Arbeiten finden weltweit Interesse und Anklang. Ende der 1950er Jahre erhält sie den Auftrag für die Inneneinrichtung des Saarländischen Rundfunks.

Von 1955 an lebt Tea Ernst in Köln, ein neues markantes Firmengebäude mit dem ikonischen Blütenlogo entsteht 1976 und ist in Köln Rodenkirchen angesiedelt. Bis zum Verkauf um 1981/82 leitet sie ihren Textilverlag zusammen mit Eberhard Eggert.

Nun führen uns Teile des Nachlasses zurück zu ihrem Werk. Dieser Nachlass ist zum einen einem Desinteresse an den künstlerischen Leistungen des Textildesign der Nachkriegsjahre zu verdanken, als auch einer ebensolchen geringen Wertschätzung der künstlerischen Produktion von Frauen dieser Zeit
Karin Thönnissen hatte dieses Thema am Beispiel von Tea Ernst bereits 1999 angemerkt und die folgende Fragestellungen formuliert:

  1. Die künstlerische Ausbildung als Berufsgrundlage
  2. Frauen als Künstlerinnen/Unternehmerinnen
  3. Textil- und Produktdesign der Nachkriegszeit /9

Tea Ernst - Willkommen im 21. Jahrhundert

Exponate der Ausstellung

Die vorliegenden Tapeten- und Stoffmuster hat der Vintage Kenner Fritz Breckheimer aus dem Nachlass der Sammlung Hermann Götting übernommen.
Viele Stoffmuster sind datiert und können den Jahren 1951 bis 1976 zugeordnet werden. Diese Muster sind jeweils mit einem Etikett versehen, auf der Vorderseite befindet sich das Logo und der Aufdruck Entwurf Tea Ernst. Rückseitig sind die Kategorien Dessin, Kolorit, Qualität, Preis gedruckt und handschriftlich ergänzt das Entwurfsjahr.

Die Dessin-Bezeichnungen einer Auswahl von Stoffentwürfe beginnen 1951 mit Blätterspiel, gefolgt von Fantasia, Blumenzweig, Liane, Kaskade Schachtelhalm, Cubana, Lampion, Schilf, Plantage, Oase, Seidelbast, Botero, Delos, Mikado, Schalmei, Akkord, Madura, Variante, Orplid, Merlin, Cirrus, Ambrosia, Bandura, Zebrina und endet 1976 mit den Dessins Aulos und Tanka.
Für den Dekorationsstoff Delos von 1958 findet sich bei Jutta Beder auch der Vermerk auf die Verwendung als Vorhangstoff im Gästezimmer des Saarländischen Rundfunks. /10

teastoff

Unabhängig von Ambrosia (Dessin 1966) und Zebrina (1971) endet mit dem Dessin Seidelbast von 1956 der wiederkehrende, konkret assoziative Verweis zur Pflanzenwelt. Die Dessin-Bezeichnungen werden mehrheitlich anderen Kulturbereichen entnommen, der Inhalt zunehmend abstrakter in Bezug zur Alltagswelt der Kunden. So bezeichnet Aulos ein Blasinstrument der vorchristlichen Antike und Tanka, eine japanischen Form von Kurzgedichten aus dem 5. Jahrhundert.

Die Dessins folgen dieser Entwicklung von stilisierten Blüten und Blattformen in zarter Farbgebung zu farbig kontrastierenden, geometrischen Entwürfen.

Tea Ernst über ihre Entwürfe: „Schon als Schülerin malte und zeichnete ich. Manche behaupteten damals, in meinen Arbeiten Differenzierung und Musikalität zu entdecken. Man sprach von leuchtenden Farben und glaubte selbst in den dunkelsten Tönen das Sanfte des Pastells zu sehen.
Ich selbst kann recht wenig dazu sagen, sondern mich nur – wenn es um die eigene Arbeit geht – der Meinung anderer bedienen.
Vor dem Krieg schon beschäftigte ich mich – durch einige Wettbewerbserfolge ermuntert – mit Entwürfen industriellen Erzeugnissen; vor allem mit Vorhangstoffen, Tapeten, Plastikfolien und Pralinenpackungen.
Neben den gebundenen, von vielen technischen Erfordernissen abhängigen Entwurfsarbeiten, wurde die Beschäftigung mit dem Bühnenbild und Theaterfigurinen zum erfrischenden Ausgleich. Es ist selbstverständlich, daß eine Handschrift schwer verleugnet werden kann: so kehren in meinen Tapeten- und Stoffentwürfen gelegentlich die Themen des Theaters wieder.“ /11

Die Figurin-Tapeten für die Firma Rasch sind solch ein Beleg. „Die Bezeichnung Figurine stammt aus dem Umkreis der Mode und des Theaters und steht zum einen für Hintergrundfiguren im Bühnenraum, zum anderen für die stilisierten menschlichen Figuren gezeichneter Mode und Kostümentwürfe.“ /12
Die ersten Entwürfe fertigte Tea Ernst bereits Ende der 1930er Jahre für Rasch, doch der Erfolg stellte sich erst in den 1950er Jahren ein. Auf der Werkbundausstellung „Neues Wohnen“ in Köln wurden die Figurintapeten 1949 erstmals präsentiert. Einige Exponate
der Figurintapeten aus der Sammlung Breckheimer sind hier in der Ausstellung vertreten, die Motive zeigen „ein lichtes, pastellfarbiges Kolorit“ und sind „oft auf einem hellen Raufaserfond gedruckt. Die Darstellung vernachlässigt(e) perspektivische Ansätze zugunsten einer flächigen Gesamtwirkung. Vom Deutschen Werkbund erhielt Rasch für diese Tapeten den ersten Preis“. /13 Darauf folgend werden Tea Ernst Entwürfe in der ersten Rasch ‚Künstler-Kollektion’ aufgenommen und bleiben bis in die 1960er Jahre im Angebot des Tapetenherstellers.

Vier große Figurinen im beschriebenen Stil zeigt der Stoffentwurf ‚Opera’ aus den 1950er Jahren, für eine Figurine, die der Dienerin aus Shakespeares ‚Wintermärchen’ findet sich eine identische Abbildung der aquarellierten Federzeichnung im Ausstellungskatalog um die Künstler der Tapetenfabrik Rasch. /14
Aus dem Rasch-Kreis wurden hier u.a. Arbeiten von Bele Bachem, Sigvard Graf Bernadotte, Arnold Bode, Lucienne Day, Cuno Fischer, Magret Hildebrand, Bruno Munari, Renèe Sintenis, Emil Schuhmacher und anderen gezeigt.
In diesem Katalog finden sich die Hinweise auf das vorliegende Musterbuch Acella der Firma Benecke, Hannover und auch die Verpackungen für die Firma Sprengel können so den Jahren vor 1956 zugeordnet werden.

Der Erfolg von Tea Ernst – so unsere Meinung – lag nicht nur in der Verbindung von Künstler- und Unternehmertum sondern auch in dem Wissen um das Interieur als Bühne des öffentlichen und privaten Lebens.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch

Martin Bohn +Partner

Literatur
1 vergl. Selheim, Claudia, Die Fachklasse für Textilberufe in: Beaugrand, Andreas; Renda, Gerhard (Hrsg.): Werkkunst: Kunst und Gestaltung in Bielefeld 1907-2007. Bielefeld 2007, S. 276.
2 Thönnissen, Karin, Künstlerinnenkarrieren, in: Frauen Kunst Wissenschaft 28, Halbjahreszeitschrift 1999, S. 66ff; https://www.fkw-journal.de/index.php/fkw/article/view/729/726 , Stand 30.06.2020
3 Beder, Jutta, Zwischen Blümchen und Picasso, Textildesign der fünfziger Jahre in Westdeutschland, Münster 2002, S. 147
4 Selheim, ebda., S.277.
5 Breuer, Gerda, Jupp Ernst 1905 – 1987, Tübingen 2007, S. 39 ff.
6 Thönnissen, Karin, Georg Muche, Weimar 2020, S.82
7 Breuer, ebda S. 63
8 Beder, ebda. S. 147
9 Thönnissen, Karin, Künstlerinnenkarrieren, in: Frauen Kunst Wissenschaft 28, Halbjahreszeitschrift 1999, S. 67
10 Beder, ebda. S. 152
11 Thea Ernst in: Architektur und Wohnform, Innendekoration 63. Jahrgang, 1954/55, S. 224
12 Karin Thönnissen: Tea Ernst, in: Koch, Hanna Elisabeth, Schönheit hat ihren Sinn, Dissertation der Albert-Ludwig-Universität-Freiburg, Sommersemester 2014, S.36
13 Koch, Hanna Elisabeth, Schönheit hat ihren Sinn, Dissertation der Albert-Ludwig-Universität-Freiburg, Sommersemester 2014, S.37
14 Künslerisches Schaffen, Industrielles Gestalten, Künstler um die Tapetenfabrik Rasch, Ausstellungskatalog Städtisches Museum Osnabrück, 1956